Kirche in Pfullendorf:

Offline

Wir Menschen lieben soziale Netzwerke und Jahr für Jahr werden es hunderte Millionen Nutzer mehr. Wir haben Facebook , WhatsApp, YouTube, Twitter, um nur ein paar zu nennen. Diese Kommunikationstools versetzen uns in die Lage unabhängig von Zeit und Ort miteinander zu interagieren und Informationen zu teilen. Gleichzeitig findet auch die virtuelle Realität immer mehr Anwendungsbereiche und Freunde. Bei soviel Möglichkeiten der selbstgestaltbaren Kommunikation und Interaktion, schien es doch fast nur noch eine Frage der Zeit zu sein bis die oftmals unliebsame Realität ersetzt würde. Doch mit dem weltweiten Auftreten eines Virus ist schlagartig alles anders geworden. Plötzlich stellen wir fest, wie sehr wir den direkten Kontakt zur Familie, zu den Freunden und Bekannten brauchen. Das persönliche Gespräch, die Umarmung, der Blickkontakt, der Kuss, ein Lächeln, all das fühlt sich virtuell eben doch nicht so an wie in echt. Wir vermissen die Menschen um uns herum, wir vermissen darüber hinaus aber noch viel mehr. In dieser Zeit der Distanz, des Abstandhaltens ist uns erst so richtig bewusst geworden, auf wieviel Gewohntes wir in letzter Zeit verzichten mussten. Habe ich meine Kirche auch vermisst? Die Kirche hat sich dem „lock down“ der Wirtschaft angeschlossen. Plötzlich ist es still geworden um sie. Das abendliche Läuten der Glocken habe ich kaum wahrgenommen. Ist die Symbolik nicht bei mir angekommen, war es mir einfach nicht wichtig genug?

Aber wer oder was ist Kirche denn überhaupt? Viele verbinden mit dem Begriff die Institution, die Organisation mit ihrer Hierarchie, manche auch nur das Gebäude. Aber Kirche ist in erster Linie jeder von uns. So heißt es im Korintherbrief: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? ... Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr“. Kirche ist die Gemeinschaft derer, die durch eine gemeinsame Überzeugung, einen gemeinsamen Glauben zusammengewachsen ist, die uns zu allen Zeiten Hilfe und Unterstützung bietet. Und wenn ich mir vor diesem Hintergrund die Kirche anschaue, dann ist sie gar nicht so still. Sehr viele Menschen sind aktiv geworden, haben ihre Talente eingebracht, haben Kirche im ursprünglichen Sinn gelebt. So sind kreative Wege entstanden, um miteinander diese Gemeinschaft zu leben und zu erleben und damit zu zeigen, wir sind nicht alleine.

„Wer Ohren hat, der höre!“, heißt es schon in der Bibel, das gilt ganz besonders auch in dieser Zeit. Wenn ich mich aus meiner passiven Unzufriedenheit lösen kann, wenn ich Augen und Ohren weit öffne, dann kann ich sie sehen und hören, die Menschen um mich herum, die sich nicht resigniert zurückgezogen haben, die getragen von ihrer Überzeugung das erste und wichtigste Gebot, das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe in die Praxis umsetzen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass genau das viele praktizieren, ohne dass es ihnen wirklich bewusst ist. Benedikt von Nursia drückt das so aus: „Wer im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit.“

Habe ich meine Kirche vermisst? Ja, auch in diesem Sinne vermisse ich sie und ich sehne mich nach dem Tag, an dem unser Lächeln nicht hinter einer Maske verborgen bleiben muss und eine Umarmung wieder uneingeschränkt möglich ist.

30.5./ Peter Berdnik

Peter Berdnik, Wort-Gottes-Feier-Leiter