Kirche in Pfullendorf:

Evangeliumstext vom Sonntag zum Nachlesen

Ich muss abnehmen

Wer kennt sie nicht: die Gewichtsprobleme? Die täglichen Blicke auf die Waage und das entsetzte Gesicht vor dem Spiegel und die Gedanken, die einfach so kommen: „Das gibt es doch nicht! Schon wieder zugenommen! So ein Mist!“ Dann die schönen Vorsätze: „Ich passe jetzt auf. Ich reduziere den Konsum an Nüssen, Süßigkeiten und Salzgebäck. Nach 18.00 Uhr geht gar nichts mehr  hinein in den Magen. Ich will abnehmen!“

Im heutigen Evangelium geht es auch um das Abnehmen. Doch hier ist ein anderes Abnehmen gemeint, das nicht unbedingt mit unserem Körpergewicht zu tun hat. Es dreht sich nicht immer nur um Pfunde und Kilos. Wir können auf etwas anderes Gewicht legen, andere Akzente setzen. Das Abnehmen kennt auch andere Gesichter.

Ich kann mich zum Beispiel bei einem Gespräch zurücknehmen, bei dem es nicht auf meine Meinung zunächst ankommt. Wer kennt das nicht, wie schwer es ist, zuzuhören, den anderen ausreden zu lassen und dann erst eine Antwort darauf zu geben. Mich nerven die Talkshows im Fernsehen, wenn der Moderator oder die Moderatorin ständig dem Gegenüber ins Wort fällt. Da habe ich den Eindruck, dass sie gar nicht erst auf die Antwort  des Gesprächspartners warten, sondern lieber sich selbst profilieren wollen. Furchtbar! Wie schön wäre es hier, von sich selbst absehen zu können und dem Gast genügend Redezeit einzuräumen. Zuhören können ist eine Kunst! Kunst hat mit Können zu tun. Der Gast steht doch im Mittelpunkt bzw. das Thema, worum es in dieser Sendung geht. Wozu Gäste einladen, wenn der Moderator bzw. die Moderatorin den größten Redeanteil übernimmt? Sie sollten sich zurückhalten können. Sie spielen hier nicht die erste Geige, sondern eine andere Person. Diese Gesprächspartner zum Zuge kommen und sich entfalten lassen, darauf käme es an. Wie oft hören sie oder auch wir uns selbst gerne reden.

Andere zum Zuge kommen lassen, von sich selbst absehen können, darum geht es auch im Sonntagsevangelium. Da scharen sich Jünger um den Täufer Johannes. Sie sind von ihm angetan und fasziniert. Sie sind seine Schüler und plötzlich taucht Jesus auf und was tut Johannes der Täufer? Er verweist seine Jünger auf Jesus, auf das Lamm Gottes, weil er die wichtige Botschaft ist.

Auf Jesus kommt es nun an, nicht auf ihn, den Täufer Johannes. Das gibt er seinen Jüngern zu verstehen. Diese Begegnung mit Jesus hat den Künstler Matthias Grünewald inspiriert, ein Bild zu malen, das in Colmar zu sehen ist. Der Täufer Johannes wird dort mit einem überlangen Zeigefinger dargestellt, der auf Jesus, den Gekreuzigten verweist und dabei stehen die Worte: „Er muss wachsen, ich muss abnehmen.“ Dieser überlange Zeigefinger des Täufers Johannes ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Die Jünger Jesu – so das Evangelium – lassen sich auf diesen Wink des Täufers ein und folgen von da an Jesus nach. Man könnte auch sagen, sie haben wirklich zugehört.

Abnehmen hat seine guten Seiten. Ich fühle mich erleichtert. Ich weiß, wo ich stehe, was ich bin oder nicht bin. Ich kenne auch meine Grenzen. Das ist gut so. Das bewahrt vor Überheblichkeit und auch vor Überforderung. Und ein weiteres kommt hinzu: Es ist doch schön, wenn wir uns zurücknehmen können und andere wachsen, sich entfalten lassen: die Eltern mit ihren Kindern, die Lehrer mit ihren Schülern, die Professoren mit ihren Studenten, die Meister mit ihren Lehrlingen…Was wir nicht alleine schaffen, das schaffen wir zusammen“, so heißt es in einem modernen Lied. Der Täufer verweist auf Jesus! Mit Jesus kommen wir  wirklich weiter. Dann war all das, was wir im Leben getan und geleistet haben, nicht umsonst und auch nicht für die Katz‘.

 

 

Martinho Dias Mértola,
Pfarrer